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Warum hassen sie uns so ?

oder: Überlegungen für eine neue Realpolitik   

GEIKO MÜLLER-FAHRENHOLZ             

Nach den entsetzlichen Attentaten auf das World Trade Center und das Pentagon am 11. September haben sich viele Amerikaner gefragt: Warum hassen sie uns so ? Inzwischen scheint es, als sei diese  - potenziell selbstkritische -  Frage unter dem Meer von „stars and stripes" zugedeckt worden.

Wenn sie aber eine Antwort haben wollten, brauchten sie nur ihre Nachbarn südlich des Rio Grande zu fragen. Von "Mexiko bis nach Feuerland gäbe es viele, die eine Antwort geben könnten, wenn man sie denn hören wollte. Auch in Afrika oder Asien und schließlich auch in der „arabischen Welt" gäbe es viele Antworten, die zu bedenken wären.

Dritte Welt" -Sichten

Wenn ich an meine Freunde in Lateinamerika, aber auch im Sudan oder in Palästina denke, so würden sie vermutlich Folgendes sagen: Wir sind unendlich traurig über das entsetzliche Verbrechen, denen die Menschen im Pentagon und in den Zwillingstürmen des World Trade Center zum Opfer gefallen sind. Wir trauern mit den Angehörigen; denn wir wissen, was Massaker, Bombenattentate, Bürgerkriege, willkürliche Morde, zerbombte Häuser und zerstörte Städte bedeuten.

Hinter diesem tiefen und aufrichtigen Mitgefühl meldet sich aber auch eine andere Empfindung. Sie lautet, auf einen harten Satz gebracht: Die Attentate haben unschuldige Menschen getötet, aber sie haben keine unschuldige Nation getroffen.

Um nur drei Beispiele aus Lateinamerika, der oft der „Hinterhof der USA" genannt wird, zu erwähnen:

1.    1954 wurde in Guatemala die demokratisch gewählte Regierung von Arbentz gestürzt,  und zwar unter aktiver Mithilfe des CIA. Dadurch wurde das Land in Bürgerkriege gestürzt,   die  mehr als 30Jahre lang dauerten  und Hunderttausende zu Opfern machte. Das Land hat sich bis heute nicht erholt.

2.  Die Menschen in Nicaragua haben noch in lebhafter Erinnerung, wie die USA so genannte „Contras" ausbildeten und militärisch aufpäppelten, um die unerwünschte Regierung der Sandinisten zu "destabilisieren".

3.  Und, um ein wenig beachtetes, aber höchst akutes Thema  wenigstens zu erwähnen:

Der ,Plan Columbia", der offiziell die Kokainplage bekämpfen soll, vertieft nur das bürgerkriegsartige Chaos Kolumbiens. Auch in diesem Fall sind die USA mit militärischen und logistischen Maßnahmen präsent.

Dies sind lediglich drei Beispiele. Es gibt deren sehr viele mehr. Eine lange Kette von Demütigungen und Kränkungen hat sich tief in das Geschichtsbewusstsein vieler Menschen der „Dritten Welt" gebrannt. Aufgrund dieser Erinnerungen muss die ingrimmige und nur widerwillig eingestandene Empfindung verstanden werden, dass am 11. September der Terror auch die erfasst habe, die ihn bisher immer nur exportiert haben.

Es fuhrt nämlich in die Irre, wenn behauptet wird, die Kriege der USA, die sie seit dem Zweiten Weltkrieg geführt hat, seien alle in gleicher Weise „gerecht" gewesen. Der Krieg gegen Japan und Nazideutschland ist etwas ganz anderes als die Kriege in Korea oder Vietnam, und noch etwas ganz anderes sind die Destabilisierungen und subversiven Aktionen des CIA in vielen Ländern der „Dritten Welt", dieser „low-intensity-warfare", in dem immer unverhohlener machtpolitische und wirtschaftspolitische Interessen betrieben wurden, in der Regel zu Lasten demokratischer Regierungen und zu Gunsten korrupter Gewaltherrscher.

Unterschiede im Süden

Wenn ich auf die Kränkungsgeschichten von Völkern des  „Südens" aufmerksam mache, dann muss sogleich hinzugefügt werden, dass diese durchaus verschieden ausgeprägt sind. Die Völker, die mehrheitlich vom Islam geprägt sind, empfinden ihre Ohnmachtsgeschichte nicht nur politisch oder wirtschaftlich, sondern auch religiös. Für sie ist der Islam die letzte, die ultimativ gültige Religion. Sie ist folglich zur Weltherrschaft bestimmt. Es ist darum eine ungeheure Schmach, wenn muslimische Völker über die Jahrhunderte hin von dem „ungläubigen" Europa überflügelt worden sind. Das Reich des Islam reichte doch einmal von China bis an den Atlantik! Darum ist es zutiefst beschämend, dass europäische Kolonialmächte die Vorherrschaft erringen konnten.

Der Golfkrieg gehört in diese Geschichte der Beschämungen, auch die Tatsache, dass die USA Truppen in Saudi-Arabien unterhalten, dass sich also „Ungläubige" in dem Land des Propheten breit machen. Und in diesen Kontext gehört nicht zuletzt auch, dass die Amerikaner Israel massiv unterstützen und damit die Unterdrückung der Palästinenser verlängern helfen.

Ich sage mit Nachdruck, dass eine solche Neigung, die eigene Geschichte ausschließlich von den Demütigungen her zu deuten, selektiv und irreführend ist. Wer die traumatischen Erfahrungen zum ausschließlichen Deutungsmuster seiner Vergangenheit macht, schafft sich eine Opferrolle, macht den Feind für alle Ungerechtigkeit der Welt verantwortlich und rechtfertigt die eigene Gewalt. Wer die Traumatisierungen überdies zu religiösen Konflikten hochstilisiert, gerät leicht dahin, die gegnerische Seite zu dämonisieren. Damit werden schwierige politische Auseinandersetzungen auf eine metageschichtliche Ebene gehoben, wo nicht mehr Menschen mit Menschen streiten, oder Völker mit Völkern, sondern wo es um den „endgültigen Kampf gegen den Satan" oder um einen „Kampf des Guten gegen das Böse" geht. Da sind alle Beteiligten dann nur noch Handlanger in einem übergeschichtlichen Krieg und damit ihrer eigenen Ver­antwortung für den Gang der Dinge enthoben.

Keine Zeichen der Befreiung

Ich habe bisher relativ viel Gewicht auf die „Kränkungs- und Beschämungsgeschichten" gelegt, um zu verdeutlichen, warum in dem Entsetzen über die Attentate am 11. September immer auch eine gewisse, mehr oder minder deutliche Distanz zu spüren ist. Es ist müßig, dies als mittelalterlichen Fanatismus oder „Antiamerikanismus" zu brandmarken. Es wäre ein Zeichen von Realpolitik, die Macht dieser Traumatisierungen und die Reichweite ihrer politischen Manipulierbarkeit wahrzunehmen.

Aber heißt dies, dass die Attentate des 11. September entschuldigt werden sollen? Auf keinen Fall! Es hilft lediglich zu erklären, warum Männer wie Bin Laden und die El Qaida - Bewegung von Millionen muslimischer Menschen mit so viel Begeisterung gestützt werden. Und es hilft zu erklären, warum Terroristen wie bin Laden diese Beschämungsgeschichten benutzen können, um ihre Gewalt religiös abzusichern. Damit will ich sagen, dass Männer wie Bin Laden und seine Helfershelfer die Beschämung und Verelendung der muslimischen Massen benutzen, nicht um sie zu überwinden, sondern um ihre fanatischen Exzesse in diesem Elend zu verbergen.

Bin Laden ist mit die Guevara verglichen worden. Welch ein Irrtum! Che Guevara teilte sein Schicksal immerhin mit den Armen Lateinamerikas, während Bin Laden seinen „endzeitlichen Krieg" gegen den „Satan USA" ausgerechnet unter dem Schutz der Taliban führt, einer „Regierung", die die Hälfte der afghanischen Bevölkerung, nämlich die weibliche, gefangen hält und das bereits sehr geschundene Land noch weiter ruiniert hat. Es geht also bei diesem Krieg nicht um die Befreiung der „Dritten Welt" von wirtschaftlicher Ungerechtigkeit und politischer Abhängigkeit, sondern um das genaue Gegenteil.

Darum betone ich: So sehr der 11. September ein Symbol für die Verwundbarkeit der Supermacht USA ist, so wenig eignet sich dieser unglückselige Tag als Symbol für die Befreiung des Südens.

Dunkle Seiten der Globalisierung

Soviel lässt sich jetzt schon sagen: Es gibt in diesem Krieg gegen den Terror bereits jetzt viele Verlierer.

Die Verlierer sind zuerst einmal wir alle. Und zwar insofern, als wir zu einer interdependenten Welt gehören. Je enger die Netze der elektronischen Medien, der Finanz- und Warenströme, der Informations- und Verkehrssysteme werden, desto verletzlicher werden sie. Das heißt: Je größer die Vernetzung wird, desto größer wird auch unsere Abhängigkeit voneinander und desto empfindlicher merken wir, wie verwundbar wir geworden sind. Insofern sind die Terrorangriffe vom 11. September in der Tat ein Angriff auf unsere moderne, höchst interdependente Welt. Sie zeigen, dass es relativ leicht ist, diese Vernetzung unserer Welt gegen unsere Welt zu richten. Der Missbrauch der globalen Vernetzung verstärkt nicht nur die Verunsicherung, sondern führt auch zu einer Violentisierung unserer Verhältnisse.

Es wird nämlich oft übersehen, dass die „Deregulation" vieler nationalstaatlicher Regelungs- und Kontrollmöglichkeiten auch ihre gewalttätige Kehrseite hat. So wie transnationale Firmen Finanz- und Warenströme, Medien und Verkehrssysteme für ihre Transaktionen benutzen, „arbeiten" auch Verbrechersyndikate, ob sie nun mit Frauen oder Drogen, Diamanten oder Waffen handeln. Diese transnationalen mafiotischen Kartelle bilden gleichsam das dunkle Gegenbild zu einer globalisierten Wirtschaft. Zu ihnen gehören m.E. auch Bin Laden und seine terroristische Bewegung. Sie benutzen die globale Vernetzung und unterminieren sie. Damit fördern sie eine Chaotisierung unserer Verhältnisse. Insofern wir alle an der Interdependenz unserer Verhältnisse Anteil haben, werden wir auch in Mitleidenschaft gezogen.

Mitgefühl mit den Schwachen als kommende Leitlinien der Realpolitik

In einem ungleich stärkeren Maß aber drohen die Armen der Erde die Verlierer dieses Krieges zu werden. Das gilt nicht nur für die Zivilisten in Afghanistan, nicht nur für die christlichen Gemeinden und Kirchen in mehrheitlich muslimischen Ländern, nicht nur für muslimische Bürgerinnen in westlichen Ländern, sondern es gilt für die Menschengruppen, für deren Bedürfnisse weniger Geld zur Verfügung steht, weil Militärausgaben den Vorrang haben. Ich meine nicht nur die kriegsbedingte Zunahme von Arbeitslosigkeit, sondern auch die zunehmende sozial- und bildungspolitische Benachteiligung bedürftiger Bevölkerungsgruppen, zuerst einmal in den USA selbst, dann aber auch in den Armutsregionen der Erde. Damit wird eine Entwicklung verschärft, die bereits jetzt zu der stärksten Belastung unserer globalen Interdependenz geworden ist, nämlich die Diskrepanz zwischen den „haves" und den „have-nots", zwi­schen Reich und Arm. Dies ist die gewalttätige Struktur, mit der die globale Vernetzung belastet ist und die jeden Tag so viele, freilich unsichtbare Opfer fordert.

Was für eine Alternative haben wir? Wir könnten uns auf vorindustrielle Verhältnisse zurückentwickeln, aber das will im Ernst niemand. Darum bleibt uns nur die andere Option: Wir müssen die Interdependenz unserer Verhältnisse bewusst wahrnehmen und gezielt gestalten. Das heißt vor allem: Wir müssen die gefährlichen Risse und Brüche in unserem globalisierten Lebenssystem abbauen oder doch wenigstens etwas verträglicher machen.

 

Wir können nur in Frieden leben, wenn auch die anderen Frieden haben.

Der amerikanische Friedensforscher Joseph Montville hat wenige Tage nach dem 11. September erklärt: Dieser Tag „hat gezeigt, dass es auf dieser Welt verzweifelte Gesellschaften gibt, die ganze Regionen zu einem Nährboden machen, auf dem auch Mörder gedeihen. Wenn die wohlhabenden und mächtigen Staaten Menschen aus diesen Regionen nicht als Menschen betrachten, denen es zu helfen gilt, leisten sie der politischen Gewalt Vorschub, die von einzelnen Personen aus diesen Regionen ausgeht. ... Die Ironie der Geschichte besteht darin, dass das Mitgefühl mit den Schwachen, Hungernden und Beladenen ... seit dem 11. Sep­tember zum Leitgedanken der US Realpolitik werden müsste."

Gehört ein „Krieg gegen den Terror" zu den Merkmalen einer solchen Realpolitik? Offensichtlich nicht. Er vertieft die Diskrepanzen und verschärft die Potenziale von Verbitterung, Ohnmacht und Gewalt.

Was also hätte die Regierung der USA nach dem 11. September tun können? Auch wenn es vollkommen illusorisch anmutet, will ich doch skizzieren, wie eine Alternative hätte aussehen können: Die Regierung hätte also für das amerikanische Volk erklären können: Ja, wir sind verwundbar. Das erfüllt uns, die wir 200 Jahre lang keinen Angriff dieser Art von außen erlebt haben, mit tiefem Zorn. Wir möchten uns rächen, aber wir tun besser daran anzuerkennen, dass wir so verwundbar sind wie andere Völker auch. Wir beginnen zu empfinden, wie es anderen Menschen ergeht, die seit Jahren unter Bürgerkriegen zu leiden haben. Und wir müssen eingestehen, auch wenn es uns schwer fällt, dass unser Land für viele Kriege und Konflikte mitverantwortlich ist. Wir schulden unserem eigenen Volk und der Welt  die Wahrheit über diese weithin verborgener Fakten.

Was folgt aus diesem Eingeständnis? Wir werden das „Fenster der Verwundbarkeit" nicht zu schließen versuchen; denn wir haben verstanden: Wir leben in einer interdependenten Welt, und darin gibt es für uns keine Sonderrolle. Vielmehr werden wir unseren Anteil an dem großen Projekt zu leisten versuchen, das zum Ziel hat, für möglichst viele Menschen möglichst faire und kompatible Verhältnisse zu schaffen. Wir werden aufhören, den „American way of life" für den maßgeblichen zu halten, sondern begrüßen eine möglichst große Vielfalt von Kulturen, die auf wechselseitiger Achtung und auf die Beachtung der Menschenrechte aufgebaut ist. Darum werden wir uns zusammen mit den anderen reichen Ländern der Erde und den verarmten Staaten auf Lastenausgleichsprogramme zu verständigen suchen. Wir wollen versuchen, die Verhältnisse zu entgiften, indem wir für gerechte und nachhaltige Lösungen eintreten. Wir tun das, nicht weil wir plötzlich zu  Weltbeglückern mutiert sind, sondern weil wir gelernt haben: Wir können nur in Frieden leben, wenn auch die anderen Frieden haben.

Das heißt nicht, dass wir die Attentäter von New York und Washington laufen lassen. Sie gehören vor ein internationales Gericht, und wir bitten islamische  Rechtsgelehrte, einen solchen Gerichtshof einzurichten, bei dem wir unsere  Klagen und die Beweise dafür vorbringen können.

Der Terrorismus lässt sich nicht ausmerzen, genauso wie man das Böse nicht beseitigen kann; denn es ist in uns allen.

Wer ein solches versöhnungspolitisches Szenario entwirft,  muss sich nicht nur als „Antiamerikaner" verdächtigen lassen, sondern wird auch als ein hoffnungslos romantischer Träumer gelten. Dabei hätte die Supermacht USA als einzige die Chance, diese Art von „Schwäche" als einen Weg zu beschreiten, der aus dem Morast von Gewalt und Gegengewalt herausfuhren könnte. Das Eingeständnis von Zorn, der Wille zur historischen Wahrheit und der Verzicht auf Vergeltung, das sind keine Zeichen von Feigheit, sondern Indizien einer besonderen Stärke. Und dann könnten wir alle sagen: God bless America".

Dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht im Oekumenischen Informationsdienst 4/2001 und wird hier mit Genehmigung von Dr. Müller-Fahrenholz wiedergegeben

Dr. Geiko Müller-Fahrenholz ist Pastor der Nordelbischen Evangelisch-Lutherischen Kirche.  Er hat den größten Teil seiner beruflichen Arbeit im Ausland verbracht. U.a. war er Auslandspfarrer in Oxford, Exekutivsekretär in der Abteilung für Glauben und Kirchenverfassung des ÖRK in Genf und Hochschullehrer für ökumenische Theologie in Costa Rica. Von 1979 bis 1988 war er Direktor der Evangelischen Akademie Nordelbien.

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Zum Thema Versöhnung ist von ihm das folgende Buch erschienen:

Vergebung macht frei. Vorschläge für eine Theologie der Versöhnung.   Preis: 16,00 €
 

Auf Englisch:

The Art of Forgiveness: Theological Reflections on
Healing and Reconciliation

 

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