Kirche friedensfähig
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Wie friedensfähig kann die Kirche sein?

Zum dialogischen Missionsauftrag angesichts von religiösem Extremismus und falscher Toleranz

Ein Diskussionsbeitrag der Referenten/innen des

Nordelbischen Missionszentrums Hamburg (NMZ)

I. Religion, Gewalt und Fanatismus - Aktuelle Herausforderungen 

II. Was ist Mission?

III. Was ist Dialog?

IV. Die Friedensfähigkeit der Kirche

V. Selbstverpflichtungen

I. Religion, Gewalt und Fanatismus - Aktuelle Herausforderungen

-         „Bomben in Nordirland, Terror in New York, Gewalt in Nahost und in Indien – ich hab‘ ja schon immer gesagt: Die Religion ist an allem schuld! Je religiöser, desto fanatischer die Menschen. Da lob‘ ich mir doch unsere alte hanseatische Distanz zu allem Religiösen...“

-         „Was?! Die wollen hier in unserer Nachbarschaft eine Moschee bauen – dann haben wir ja den Extremismus direkt vor der eigenen Haustür!...“

-         „Ein Gemeindeabend zum Thema Mission!? Aber das ist doch nicht mehr zeitgemäß. Das klingt doch viel zu aggressiv. Wir müssen als Kirche heute doch unsere Gesprächs- und Friedensfähigkeit unter Beweis stellen! Lass uns lieber einen Gemeindeabend zum Thema Dialog vorschlagen...“

-         „Da habe ich neulich zum ersten Mal ein langes und gutes Gespräch gehabt mit einer Muslimin, Studentin der Informatik, und richtig engagiert und religiös praktizierend war die. Aber ich habe ihr lieber nichts von meinem christlichen Glauben erzählt. Warum? Ja man soll doch tolerant sein, heute...“

  

An vielen Orten wird über das Verhältnis von Religion und Gewalt neu nachgedacht. Die Beteiligung der Nordelbischen Kirche an der Dekade des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) zur Überwindung von Gewalt führt zu einer verstärkten Aufmerksamkeit für Fragen der Friedenserziehung und zur Kritik einer religiösen Legitimierung von Gewalt. In einem langjährigen interreligiösen Dialog in Hamburg ist gegenseitiges Vertrauen gewachsen. Dieser Dialog und viele Erfahrungen insbesondere christlich-islamischer Begegnung in verschiedenen Orten Schleswig-Holsteins haben nach den Ereignissen des 11. September 2001 mit dazu beigetragen, vorschnellen, pauschalisierenden Verdächtigungen muslimischer Mitbürger entgegenzutreten, die gemeinsame Friedensverantwortung der verschiedenen Religionsgemeinschaften zu unterstreichen und eine schwere Belastungsprobe vor allem des christlich-islamischen Verhältnisses zu überstehen.

Doch die Herausforderungen reichen tiefer, als dass ihnen durch kurzfristige Reaktionen und eine pragmatische Fortsetzung der bisherigen interreligiösen Verständigungsbemühungen begegnet werden kann. Im gesellschaftlichen Bewusstsein und auch im kirchlichen Selbstverständnis machen sich Verschiebungen und Trends bemerkbar, die eine neue Selbstvergewisserung christlicher Identität erfordern. Es ist daher eine tiefergehende Verständigung über die Frage nötig, wie die Friedensfähigkeit der Kirche mit ihrem dialogischen Missionsauftrag zusammenhängt. Eine solche Klärung kommt gleichermaßen einer  Stärkung des Bewusstseins für den christlichen Sendungsauftrag wie einer Öffnung für grenzüberschreitende Kommunikations- und Kooperationsfähigkeit zugute.

 

Das Nordelbische Missionszentrum (NMZ) meldet sich mit einem eigenen theologischen Votum zur Wort,

-         weil es sich einem missionarischen Selbstverständnis der Kirche verpflichtet weiß;

-         weil es an der Verankerung des interreligiösen Dialoges innerhalb des einen missionarischen Gesamtauftrages festhält;

-         weil es einen Anstoß zur Selbstvergewisserung eines dialogischen-missionarisch Selbstverständnisses innerhalb der Nordelbischen Kirche geben möchte;

-         weil es von der Unverzichtbarkeit eines engagierten christlichen Bekenntnisses für eine humane Gesellschaft überzeugt ist und diese Wertvorstellungen in den öffentlichen Diskurs einbringen möchte.

 

Innerhalb wie außerhalb der Kirche begegnen wir verstärkt Fragen wie den folgenden:

-         Kann der Gedanke der Friedensfähigkeit der Kirche überhaupt mit dem Gedanken von Mission zusammengebracht werden? Oder ist eine Religion, die entschieden einen eigenen Wahrheitsanspruch einbringt, immer schon potentiell friedensgefährdend und gewalttätig?

-         Bedeutet Bereitschaft zum Dialog nicht Verzicht auf einen eigenen Wahrheitsanspruch?

-         Lässt sich die gleichzeitige Orientierung am friedensfördernden Dialog und an der Mission miteinander vereinbaren?

Die Auseinandersetzung mit diesen Fragen erfordert eine Verständigung sowohl über ein angemessenes Verständnis christlicher Mission als auch über die Begründung des interreligiösen Dialogs:

 

 

II. Was ist Mission?

Man kann gegenwärtig eine doppelte Gefährdung eines biblischen Verständnisses christlicher Mission beobachten:

Einerseits gibt es einen gesellschaftlichen, auch innerkirchlich immer stärker wirksamen Trend, den Gedanken der Mission durch den Gedanken einer Toleranz im Sinne religiöser Beliebigkeit abzulösen. Dafür sind geschichtlich langfristig wirksame Faktoren wie religiöse Subjektivierung, Enttraditionalisierung und Aufklärung sowie insgesamt eine kritische Beurteilung der Kirchengeschichte im Blick auf Gewaltanwendung durch Christen maßgeblich. Diese Faktoren haben zur Ausbildung eines positiven Verständnisses von Toleranz geführt, das den tiefen Respekt und die Achtung vor anderen Glaubenstraditionen beinhaltet. Ein solches Verständnis und eine solche Haltung von Toleranz ist unaufgebbar.

Andererseits haben die Ereignisse des 11. September 2001 im öffentlichen Bewusstsein den bereits vorhandenen Trend noch verstärkt, Fanatismus und Religiosität so nahe zusammen zu rücken, dass sie bisweilen schon miteinander identifiziert werden. Wer bewusst religiös ist, gilt demnach als potentiell fanatisch. Mit der Abwehr des fundamentalistischen Fanatismus wird dann leicht jede entschiedene religiöse Bindung verdächtigt. Menschen schrecken immer mehr vor einem deutlichen Ausdruck ihrer Religiosität zurück und ziehen eine wie sie meinen "tolerante" Haltung oder gar eine a-religiöse Existenz vor. Sie hoffen, damit alle Gefährdungen eines religiösen Extremismus ein für allemal hinter sich zu lassen. Eine solche Toleranz – verstanden als Abwehr von religiöser Bindung und Entschiedenheit oder weitergehend als Haltung desinteressierter Beliebigkeit oder Gleichgültigkeit - aber würde das Ende aller Mission bedeuten. Von einer Friedensfähigkeit der Kirche zu reden, wäre dann nur auf Kosten und gegen ihre missionarische Identität möglich.

 

Von einer Gefährdung eines biblischen Verständnisses von Mission kann aber auch da gesprochen werden, wo Mission mit Missionierung verwechselt wird. Die Vorstellung von Missionierung geht dabei davon aus, dass ein „wissendes“, d. h. in bestimmter Weise „bekehrtes“ Subjekt, einem „unwissenden“ und "zu bekehrenden" Objekt gegenübersteht, um es zu einem religiösen Orientierungswechsel zu bewegen. Wo immer sich in Vergangenheit oder Gegenwart mit christlicher Mission Motive dieses Zerrbildes - d. h. eines einseitigen Gefälles zwischen Subjekt und Objekt, sowie ein religiöses oder auch kulturelles Überlegenheitsgefühl - verbunden haben, weckt der Begriff der Missionierung zu Recht Abwehr und Widerspruch. Besonders im Judentum ist die kollektive Erinnerung an eine fast 2000-jährige christliche Missionierung, die von Zwang und Gewaltanwendung gekennzeichnet war, bis heute wach.

Auf diesem Hintergrund sind Vorurteile gegenüber christlicher Mission, nach denen diese die Quelle aller religiösen Intoleranz ist, schnell bei der Hand – zusammen mit diversen Assoziationen zu den Begriffen 'Mission' und 'Kolonialisierung'. Doch ist immer noch zu wenig bekannt, dass die ökumenische Diskussion, der sich auch das NMZ verpflichtet weiß, ein solch verengtes und verzerrtes Verständnis von Mission lange hinter sich gelassen hat. Der Begriff der Missionierung sollte deshalb aus unserem Vokabular christlicher Selbstvergewisserung gestrichen werden und anderen Begriffen wie 'missionarische Präsenz' oder 'Zeugnis' Platz machen.

Statt dessen geht es um die Entfaltung eines biblischen und ökumenischen Verständnisses christlicher Mission, bei dem eine bewusste und bekennende eigene Glaubenshaltung mit einer tiefen Achtung vor der religiösen Identität des Anderen einhergeht. So verstanden steht praktizierter christlicher Glaube (oder eben: der missionarische Auftrag) gerade nicht im Widerspruch zur Friedensfähigkeit der Kirche, sondern bildet ihre innere Mitte. Diese zentrale These soll im folgenden näher begründet werden:

 

Der Begriff 'Mission' ist nichts anderes als ein (aus dem lateinischen abgeleiteter) Sammelbegriff für die vielfältigen biblischen Bezeichnungen der 'Sendung Gottes', Seiner grenzüberschreitenden Liebe zur Welt, Seiner Friedens-, Befreiungs- und Versöhnungsbewegung in allen Völkern. Die ökumenische Diskussion hat dies seit den 60er Jahren neu erkannt und u.a. in der ÖRK-Erklärung zu „Mission und Evangelisation“ (1982) festgehalten.

Gottes Mission nimmt in der Geschichte in Menschen, Geschichten und Begegnungen Gestalt an. Ihre maßgebliche Gestalt aber hat sie in der Sendung Jesu Christi gefunden: „Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen eingeborenen Sohn gesandt hat in die Welt, damit wir durch ihn leben sollen.“ (1. Joh. 4,9). In der Sendung Jesu in diese Welt wird die liebevolle und heilende Zuwendung Gottes konkret. In seiner Geschichte, in seinem Weg und in seiner Menschwerdung wird die rettende und versöhnende Bewegung Gottes, die der ganzen Welt und damit auch den Menschen aller Religionen gilt, ein für allemal sichtbar.

Jede menschliche Sendung ist dieser einen Sendung Gottes nachgeordnet. Sie bleibt an Gottes Sendung gebunden und ist insofern Teilhabe an der göttlichen Sendung, die dem Leben und dem Frieden der ganzen Welt dient: „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.“ (Joh. 20,21). Deshalb geschieht jede menschliche Teilhabe an der 'missio Dei' nach dem Vorbild Jesu und in der Befähigung durch den Heiligen Geist. Sie geschieht also nicht durch Macht und Gewalt und nicht im Selbstbewusstsein geistiger oder kultureller Überlegenheit, sondern im Teilen mit den Ohnmächtigen, in der Solidarität mit den Armen und in der erwartungsvollen Offenheit für die Begegnung mit den religiös und kulturell Fremden. Die Erzählung von der Begegnung Jesu mit der kanaanäischen Frau (Mt. 15,21-28; par.: Mk. 7,24-30) zeigt, dass authentische christliche Mission an keine Grenzen – seien sie sprachlicher, kultureller, religiöser oder anderer Natur – gebunden ist. Heil, Frieden und neues Leben ereignen sich im Gegenteil gerade in der liebevollen Überschreitung existierender Grenzen. Nicht weil sie bessere Menschen sind, sondern weil und sofern sie der grenzüberschreitenden Liebe Gottes folgen, sind Christinnen und Christen „Licht der Welt.“ (Mt. 5,14).

Christliche Mission ist also als Antwort auf die eine heilende, friedensstiftende und versöhnende Mission Gottes für die ganze Welt zu verstehen. Sie ist darauf ausgerichtet, den ganzen Menschen zu verwandeln und in die 'missio Die' hinein zu ziehen („Bekehrung“ im umfassenden Sinne der ganzheitlichen Hinwendung zu Gott). Christliche Mission ist daher weder mit gewalttätigem Extremismus noch mit unverbindlicher Toleranz zu verbinden. Weil sie unauflöslich mit dem Namen Jesu und mit dem Erbe der prophetisch-alttestamentlichen Tradition verbunden bleibt, trägt die christliche Mission auch ein bleibendes Moment der „Intoleranz“ in sich: Der Wahrheitsanspruch, den sie vertritt, hat nichts mit einem imperialen Herrschaftsanspruch zu tun. Er beinhaltet vielmehr eine unverrückbare Unduldsamkeit gegenüber aller Ungerechtigkeit und das Festhalten an der Hoffnung auf die universale Geltung von Menschenwürde und Menschenrecht. Ihr Wahrheitsanspruch hat nichts mit religiöser Arroganz, aber viel mit einer Unbedingtheit zu tun, die nichts und niemanden auf der Erde von der Reichweite der Liebe Gottes ausnimmt. Die grenzüberschreitende Liebe Gottes und sein Versöhnungshandeln in der Welt, in dem Er bis zur Selbstentäußerung und durch tiefes Leiden hindurchging, sind deshalb die beste Begründung und stärkste Triebfeder für den christlichen Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden. Nur eine missionarische Kirche, d. h. eine ihres Auftrages bewusste und darin identitätsstarke Kirche, kann deshalb eine friedensfähige Kirche sein. Nur eine missionarische Kirche, die nichts von der universalen Reichweite der Liebe Gottes zurücknimmt, kann eine wirklich dialogfähige Kirche sein. Sie lässt sich nicht von der prinzipiellen Ablehnung Andersgläubiger bestimmen, sondern geht im Geiste Jesu erwartungsvoll auf Menschen mit einer fremden religiösen Identität zu.

 

 

 

III. Was ist Dialog?

Auch im Blick auf ein adäquates Verständnis des interreligiösen Dialoges kann man gegenwärtig von einer doppelten Gefährdung ausgehen:

Einerseits ist insbesondere der christlich-islamische Dialog durch neue, teils in den Massenmedien verstärkte Feindbilder eines „militanten Islam“ erschwert worden. Viele muslimische Mitbürgerinnen und Mitbürger fühlten sich nach den schrecklichen Verbrechen des 11. September, dessen Spuren u.a. direkt nach Hamburg führten und große Beunruhigung auslösten, gleichsam unter Generalverdacht gestellt: Manchen wurde – allein auf Grund ihres islamischen Glaubens - eine potentielle oder tatsächliche Nähe zum Terrorismus unterstellt. Es kam zu üblen Aussprüchen oder gar tätlichen Übergriffen. Viele Musliminnen und Muslime fühlten sich argwöhnisch oder mit Misstrauen beurteilt, was viele sehr belastet hat. Gleichzeitig wurde der Generalverdacht gegen Muslime von einigen Kritikern auf den interreligiösen Dialog überhaupt ausgedehnt. Den bisherigen Bemühungen im interreligiösen Dialog wurde vorgehalten, kurzsichtig, oberflächlich, blauäugig und naiv zu sein und die Schärfe der Gegensätze zwischen Christentum und Islam zu verharmlosen.

In der Tat gibt es eine Gefährdung des interreligiösen Dialoges durch Menschen, die sich nur oberflächlich auf eine wirkliche religiöse Begegnung einlassen. Statt eines echten, spirituellen interreligiösen Dialogs suchen sie vornehmlich eine schnelle interkulturelle Begegnung ohne ihre eigene religiösen Bindung einzubringen.

Im Gegensatz gegen solche Gefährdungen des Dialoges sowohl durch neue ideologische Feindbilder wie durch seine Banalisierung geht es um die Entfaltung eines Verständnisses vom interreligiösen Dialog, das eine eigene Glaubensbindung ebenso einschließt wie die Möglichkeit zu einem gegenseitigen Lebenszeugnis, bei dem im Anderen ein Aspekt der Wahrheit Gottes begegnet.

Ein Dialog ist weit mehr als nur „ein Gespräch zwischen Christen und Andersgläubigen“. Das Wort Dialog (von griech. dialegomai) bezeichnet tatsächlich eine Begegnung, in der es zu einem wirklichen „Überdenken“ kommt, d.h. in der sich etwas klärt, sich Auffassungen und Einstellungen verändern und auf beiden Seiten tatsächlich Neues erkannt und erspürt wird. Ein Dialog ist folglich keineswegs ein small talk, sondern ein Gespräch, bei dem sich Menschen aufeinander einlassen. Er ist keine abstrakte Begegnung zwischen den Religionen und ihren Denksystemen, sondern eine konkrete, existentielle Begegnung zwischen Menschen, die sich auf ihre je eigene, unverwechselbare Art und Weise in ihrer religiösen Tradition beheimatet wissen und gegenseitig zu erkennen geben.

Engagement für den interreligiösen Dialog bedeutet deshalb keine Zurücknahme des missionarischen Selbstverständnisses der Kirche. Im Gegenteil: Dialog ist eine Form der missionarischen Präsenz der Kirche. In der Verankerung des Dialoges in einem missionarischen Verständnis der Kirche wissen wir uns eins mit den Grundüberzeugungen des ÖRK, der seit langem an einem kohärenten theologischen Verständnis des interreligiösen Dialoges gearbeitet hat.

In den schon 1979 verabschiedeten Leitlinien zum Dialog heißt es: „Es ist der christliche Glaube an den dreieinigen Gott – den Schöpfer allen menschlichen Lebens, den Erlöser in Jesus Christus, den sich offenbarenden und erneuernden Geist - der uns Christen zu einer menschlichen Verbindung mit allen unseren Nächsten verpflichtet. Zu dieser Verbindung gehört der Dialog: das Bezeugen unserer eigenen tiefsten Überzeugungen und das Hören auf diejenigen unserer Nächsten.(...) Dialog ist eine Möglichkeit, den christlichen Glauben in der Beziehung zu und der Verpflichtung gegenüber den Mitmenschen zu leben, mit denen zusammen die Christen dieselben Dörfer, Städte, Länder und dieselbe Erde bewohnen. Dialog ist ein auf den Nächsten bezogener Lebensstil. Dieser ersetzt oder beschränkt jedoch in keiner Weise unsere christliche Verpflichtung zum Zeugnis, da ja die Partner auch mit ihren jeweiligen Bindungen in den Dialog eintreten“.

Darüber, wie die geistlichen Erfahrungen des interreligiösen Dialoges zu bewerten sind und in welcher Weise Gott auch durch andere religiöse Traditionen zu uns als Christen spricht, gibt es bislang weder in Nordelbien, noch in der gesamten Ökumene einen Konsens. Gleichwohl muss der interreligiöse Dialog gerade im christlich-islamischem Bereich, der in vielen Gemeinden Nordelbiens gewachsen, aber gleichzeitig noch ausbaufähig ist, fortgeführt werden. Er wird begleitet von der Achtung vor dem Geheimnis der Gegenwart Gottes in der ganzen Schöpfung und dem Bemühen um die Unterscheidung der Geister nach dem Maß, das uns als Christen in der biblischen Tradition gegeben ist: „Wir erreichen zwar keinen Konsens darüber, ob und in welcher Weise Christus in anderen Religionen gegenwärtig ist, aber wir glauben, dass Gott sich in keiner Generation und in keiner Gesellschaft unbezeugt gelassen hat. Und wir können auch nicht die Möglichkeit ausschließen, dass Gott von außerhalb der Kirche zu Christen spricht.“ (ÖRK, Nairobi 1975).

 

Eine Kirche, die sich in diesem Sinne auf den interreligiösen Dialog einlässt, ist darum eine friedensfähige Kirche, insofern sie

-         alle oberflächlichen Feindbilder relativiert und kritisiert, die im Verhältnis der Religionsgemeinschaften zueinander entstehen,

-         die biblisch-prophetische Tradition der Erinnerung an Recht und Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Versöhnung ins interreligiöse Gespräch einbringt,

-         gemeinsam mit Vertretern anderer Religionsgemeinschaften der zunehmenden Privatisierung und Kommerzialisierung der Religion entgegentritt und statt dessen für eine religiöse Fundierung bei der Erneuerung der Wertekultur der Gesellschaft und ihrer Friedensfähigkeit eintritt,

-         mit der Frage nach der Wirklichkeit Gottes in der Begegnung mit dem religiös Anderen auch den Raum für wirkliche Akzeptanz, gegenseitige Achtung und Frieden offen hält.

 

 

IV. Die Friedensfähigkeit der Kirche

Es ist deutlich geworden, wie sehr die Frage nach der Friedensfähigkeit der Kirche mit der Entfaltung ihrer dialogisch-missionarischen Kompetenz zusammenhängt. Die Kirche leistet einen wesentlichen und unverzichtbaren Beitrag zum Frieden, indem sie – in globalen Zusammenhängen wie auch in der Gesellschaft – die jeweils Anderen in ihrer Identität wahr und ernst nimmt, sich ihnen in Zeugnis und Dienst für Gerechtigkeit, Frieden und Versöhnung zuwendet und sich mit ihnen auf eine dialogische Begegnung und gemeinsame Arbeit für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung einlässt. Der Blick auf die gesellschaftliche Realität, die wir im Bereich unserer Nordelbischen Kirche erleben, zeigt, wie wichtig dies ist. Denn wir leben mit Menschen anderer religiöser und kultureller Zugehörigkeit in denselben Städten, denselben Stadtteilen, denselben Straßen, z.T. sogar in denselben Häusern zusammen. Daraus erwächst die Aufgabe, ein Miteinander in der religiös und kulturell pluralen Gesellschaft zu lernen. Es genügt nicht, lediglich nebeneinanderher zu leben. Jedes Nebeneinander steht nämlich in der Gefahr, in Krisenzeiten in ein Gegeneinander umzuschlagen. Auch das Erlernen eines wirklichen Miteinanderlebens muss gemeinsam geschehen, denn es zielt auf eine gemeinsame Zukunft; und zu ihr gibt es keine Alternative. Missionarische Zuwendung zu Anderen – die Zuwendung, die sich als Teilhabe an der missio Dei versteht - und die darin eingeschlossene dialogische Begegnung kann dazu beitragen, Barrieren, Missverständnisse und Misstrauen zwischen Christen und Andersgläubigen zu überwinden, ohne Unterschiede und Differenzen zu verwischen und Kontroversen in der Suche nach Wahrheit zu verunmöglichen. Durch solche dialogische Mission dient die Kirche dem Frieden in der Welt.

 

 

V.        Selbstverpflichtungen

1.      Wir verpflichten uns, uns weiterhin für eine Kirche einzusetzen, die sich ihres Sendungsauftrags bewusst ist und die in der ökumenischen Gemeinschaft mit anderen Kirchen in Nordelbien und weltweit nach überzeugenden und einladenden Lebensformen einer ganzheitlichen Mission sucht. Wir selbst brauchen die Vergewisserung unseres eigenen Glaubens, und unsere Gesellschaft braucht Christinnen und Christen, die wissen, wovon sie reden, wenn sie nach ihrem Glauben gefragt werden.

 

Das NMZ wird die Anregung der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland aufnehmen und in Nordelbien die Initiative zu einem neuen Projekt "Gemeinsam zum Glauben einladen - Aufbruch zu einer missionarischen Ökumene" ergreifen.

 

2.      Wir verpflichten uns, weiterhin das Gespräch mit Menschen anderen Glaubens und anderer Weltanschauungen zu suchen, sowie den interreligiösen und interkulturellen Dialog zu fördern. Wir begrüßen die Planung eines "Tages der Weltreligionen" am 14. November 2002 in Hamburg und alle lokalen und regionalen Initiativen, die zu einem friedenstiftenden Miteinander von Menschen unterschiedlicher Herkunft, Religion und Kultur beitragen.

 

Das NMZ wird im Christian Jensen Kolleg Breklum einen Multiplikatorenkurs für christlich-muslimischen Dialog und Veranstaltungen zu interreligiösen Begegnungen anbieten.

 

3.      Wir verpflichten uns, weiterhin aufmerksam zu bleiben, wenn Fremde unter uns schikaniert oder ausgegrenzt werden, wenn Menschen mit einer bewussten religiösen Bindung ihre Friedensfähigkeit abgesprochen oder Religion zur Legitimierung von Gewalt missbraucht wird. Wir halten fest an den Friedens-Utopien der Bibel und der Einsicht, dass Frieden und Gerechtigkeit zusammen gehören. Wir setzen uns ein für menschenwürdige Lebensbedingungen für alle Menschen und wenden uns gegen jede Form von Gewalt in unserer eigenen Gesellschaft und in den internationalen Beziehungen.

Wir begrüßen die Erklärung der Kirchenleitung der Nordelbischen Kirche zum 11. September 2002 und die Aufforderung an Gemeinden und alle Verantwortlichen in Nordelbien, sich aktiv an der ökumenischen Friedensdekade vom 10. bis 20. November zu beteiligen.

Das NMZ wird im Herbst 2002 mit Teilnehmerinnen aus Indien, Papua-Neuguinea und Brasilien ein zweimonatiges Programm zum Thema "Frauen gegen Gewalt" veranstalten und sich weiterhin mit eigenen Initiativen für die Umsetzung der Ziele der "Dekade zur Überwindung von Gewalt" engagieren.

 

Hamburg, im August 2002

 

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