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 Weltkirchenrat: Terror nicht mit Terror vergelten

Der Oekumenische Rat der Kirchen (OeRK) in Genf hat davor gewarnt, Terror mit Terror zu vergelten. Dies brächte nur noch mehr Gewalt in die Welt, schrieb Generalsekretär Konrad Kaiser am Dienstag in einem Brief an UN-Generalsekretär Kofi Annan. Statt dessen seien gemeinsame Bemühungen aller Nationen notwendig, um mögliche Gründe für den Terrorismus zu beseitigen.

Die Anschläge des 11. September hätten die große Verwundbarkeit aller Staaten ge­zeigt. Eine Welt, in der immer mehr Länder und Völker unter großer Armut litten und andere immer mehr Reichtümer anhäuften, sei notwendigerweise instabil und gefährdet durch extreme Gewalt.

Die Reaktion auf die Anschläge darf Raiser zufolge nicht in einem weltweiten Anstieg von Militarismus und Maßnahmen der inneren Sicherheit bestehen, die den Schutz der Menschenrechte aushöhlten. Die Demokratie dürfe nicht geopfert werden. Raiser ver­langt, dass Terroristen vor unparteiische Gerichte gebracht werden. Die Anschläge hätten deutlich gemacht, wie dringend die Schaffung eines Internationalen Strafgerichtshofs sei.

Der Generalsekretär des Dachverbandes von mehr als 330 protestantischen, anglikanischen und orthodoxen Kirchen warnt ferner vor einer Zurückweisung von Flüchtlingen und der Stigmatisierung nationaler, ethnischer oder religiöser Gruppen. Es sei Zeit für einen vertieften Dialog zwischen den Zivilisationen .und Religionen, schreibt Raiser.

Text des Briefes

von Dr. Konrad Raiser (OeRK)

an Kofi Annan,

Generalsekretär der Vereinten Nationen

 

Ich schreibe Ihnen, um Ihnen für Ihre weise und maßvolle Haltung zu danken, die Sie und Ihre Mitarbeiter in diesen schwierigen Zeiten seit dem tragischen und erschütternden 11. September gezeigt haben

Wir sind Ihnen besonders dankbar für Ihre Rede vor der Generalversammlung vom 24. September. Ihre Worte der Ermutigung im Angesicht der verbreiteten Hoffnungslosigkeit, Ihre Botschaft der Hoffnung, Ihr Aufruf den Pfad der Gewalt zurückzuweisen, waren sowohl zutreffend wie auch zur rechten Zeit gesprochen.

Wie Sie es klar ausgedrückt haben, haben die Anschläge die extreme Verletzlichkeit aller Nationen gezeigt und darüber hinaus auch die Anfälligkeit des herrschenden globalen Systems. In einer Welt, in der eine immer größere Zahl von Nationen und Völkern zu extremer Armut verurteilt ist, während großer Wohlstand in anderen Teilen angehäuft wird, eine solche Gesellschaft ist in sich instabil und verletzlich gegenüber allen Akten solch extremer Gewalt. Eine Welt, in der Geist, Logik und Praxis des Krieges die Politik der mächti­gen Nationen bestimmt und in der diese geistige Haltung durch eine immer eindi­mensionalere Medienlandschaft auch auf die Völker selbst zurückstrahlt, eine solche Welt erzeugt Gewalt.

Die Gewalt des Terrorismus in all seinen Formen ist allen zuwider, die an das menschliche Leben als einer Gabe Gottes glauben, das von daher kostbar ist. Jeder Versuch, andere einzuschüchtern, indem man unterschiedslos Gewalt und Unge­rechtigkeit auf sie kommen lässt, wird weltweit verurteilt.

Die Antwort auf Terrorismus darf nicht vorschnell gegeben werden, da dies nur zu mehr Gewalt und Terror führen kann. Statt dessen gilt es zu einem abgestimmten Verhalten aller Nationen zu kommen, die jede Möglichkeit der Rechtfertigung solche Akte verunmöglicht.

Solange die Schreie der durch unaufhörliche Ungerechtigkeit Gedemütigten, durch die systematische Vorenthaltung ihrer Rechte, durch die Arroganz der Macht derjenigen, die unumschränkte militärische Macht in Händen halten, wei­ter überhört werden, solange wird sich der Terrorismus nicht überwinden lassen. Die Antwort auf den Terrorismus kann nur gefunden werden, wenn sich die Welt den Übeln zuwendet, welche die Gewalt zwischen und in den Nationen erzeugt.

Wir hoffen und beten, dass die Re­aktionen auf die schreckliche Tragödie des 11. September einen Wendepunkt markieren wird in der weltweiten Neubewertung unserer gemeinsamen Verantwortung, die Wunden zu heilen und neue Perspektiven für unsere Welt zu eröffnen. Dies - und nicht die Sprache des Krieges - dürfte die ehrende Anerkennung denen gegenüber sein, die ihr Leben in diesem schrecklichen Angriff verloren haben.

In Kontext der „Dekade zur Überwin­dung der Gewalt", die der Weltkirchenrat anfangs des Jahres gestartet hat, versuchen Kirchen wie einzelne Gläubige rund um den Globus die Spirale der Gewalt zu durchbrechen, die im Laufe der Zeit soviel Schmerz und Leid über die Menschen gebracht hat.

Im Beschluss, diese Dekade durchzuführen, reagierte die Vollversammlung des Weltkirchenrates in Harare (1998) auf die „Dekade der Vereinten Nationen für eine Kultur des Friedens und der Gewaltfreiheit für die Kinder der Welt".

Die Versammlung war sich damals bewusst, dass auch Christen und Christinnen oft ihren Anteil an der Kultur der Gewalt hatten. Wir haben oft die Waffen gesegnet und die Gewalt gerechtfertigt. So ruft die Dekade zur Umkehr auf und fordert von den Kirchen wie den .Einzelnen aufrichtig über die Gewalt, die wir in uns tragen, nachzudenken und uns selbst von dieser Fessel zu befreien. Die Dekade fordert uns zugleich noch eindringlicher auf, den Dialog der Kulturen zu suchen, das interreligiöse Gespräch mit all denen zu vertie­fen, die daran glauben, dass Gott Gerechtigkeit und Frieden für alle Menschen will.

Wir hoffen, dass die Nationen und ihre Führungen ihren Verantwortlichkeiten in ähnlicher Weise gerecht werden. Dies darf nicht die Zeit für Koalitionen sein, die Staaten schmieden, um Vergeltung für die Aggression zu üben. Eis ist vielmehr die Zeit und die Gelegenheit, die Menschen und „Nationen an ihre universelle Verpflichtung zu erinnern, wie sie in den Zielen der Vereinten Nationen niedergelegt sind und für eine neue weltweite Kraft der Gerechtigkeit einzutreten.

Wie Sie es so richtig formuliert haben, ist die wirkungsvollste internationale Koalition, welche die Bedrohung des Terrorismus überwinden kann, die Organisation der Vereinten Nationen selbst, die das, wie Sie sagten „natürliche Forum'' ist, das allein diesen Bemühungen weltweite Legitimität verleihen kann... Nur zusammen können die Nationen und ihre Völker, hoffen, wahren Frieden und Sicherheit zu erreichen. Der Botschaft des Mitleidens, die von allen Enden der Erde Regierung und Volk der Vereinten Nationen erreicht, hat, muss nun eine Politik folgen, die Mitleid zeigt mit denen, die unter Armut und gewaltsamen Konflikten zu leiden haben.

Die Reaktion auf diesen Akt darf nicht größerer Isolationismus sein, sondern muss die Nationen dazu bewegen, sich in einer internationalen Gemeinschaft zusammenzuschließen und gemeinsam den Herausforderungen zu stellen und ihren vollen Anteil, sei er finanziell oder anders gemäß der Charta der Vereinen Nationen zu erfüllen.

Die Reaktion auf diesen Akt darf kein Rückfall in weltweiten Militarismus, in die Doktrin einer Nationalen Sicherheit oder eines Ausnahmezustandes sein, der die Garantien und den Schutz der fundamen­talen Menschenrechte aufhebt. Für die Demokratie wurde ein zu hoher Preis bezahlt, als dass sie jetzt geopfert werden dürfte. Sicherheit, die auf überlegener militärischer Macht ruht, muss den Weg freimachen für eine neue Haltung, die eine menschliche Sicherheit sucht, die auf Gerechtigkeit für alle beruht.

Der Respekt vor und die Stärkung der Herrschaft des Rechtes, national wie international, ist die Basis für eine gemeinsame Sicherheit und wahre Gerechtigkeit; wir dürfen nicht zulassen, das diese Werte weiter an Bedeutung verlieren.

Eine solche Gerechtigkeit muss sich auch auf diejenigen erstrecken, die für diese oder ähnliche Akte des Terrorismus verantwortlich sind, sie müssen sich vor einem Gericht für ihre Taten verantwor­ten. Die Verletzung der Gerechtigkeit ist eine ändere Form des Terrorismus und darf nicht geduldet werden.

Auf dieser Generalversammlung wird es intensive Debatten darüber geben, wie die Sicherheitsmaßnahmen gegen den internationalen Terrorismus verstärkt werden können. In diesem Zusammenhang hoffen wir, dass alle Nationen erkennen, wie wichtig es ist, die Römischen Statuten für den Internationalen Strafgerichtshof zu ratifizieren, damit dieser so schnell wie möglich errichtet werden kann.

Die Antwort auf diese Akte darf aber auch nicht darin bestehen, alle Tore für diejenigen zu verschließen, die selbst vor Terror fliehen, für Migranten und Migrantinnen, die vor absoluter Armut ihrer Heimat fliehen, für Flüchtlinge vor Krieg und Bürgerkrieg.

Die internationalen Schutzmechanismen dürfen nicht geschwächt werden, sondern müssen ganz im Gegenteil gestärkt werden, damit sie die besser erreichen, die des Schutzes bedürfen.

Und schließlich darf die Reaktion auf diesen unmenschlichen Akt keine nationale, ethnische oder religiöse Gruppe stigmatisieren. Die Annahme, es gebe einen Zusammenstoß der Zivilisationen, darf nicht zu einer sich selbst erfüllenden Pro­phezeiung werden.

Dies ist die Zeit für universalen Dialog, für Toleranz und Mitleid. Wir danken Ihnen für Ihre Führung bei der Ver­wirklichung all dieser Ziele. Wir versichern Sie und all Ihre Mitarbeitenden weiterhin unserer Gebete, auf dass Gott Sie leite und stark mache in Ihrem Bemühen um die Nöte der Welt.

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