John Rempel
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Vortrag von Pastor John Rempel aus New York City

in Hamburg, November 2001

 

Wir haben es noch gar nicht begriffen – ich, meine Stadt, und Sie, meine Gesprächspartner, in einem anderen Land. Wir haben es noch nicht begriffen, was die Terroranschläge des 11. September für die Zukunft des Friedens in der Welt bedeuten. Ich freue mich, dass Sie mich eingeladen haben zu erzählen, wie wir in den USA und besonders in meiner Heimatstadt New York die vergangenen Wochen erlebt haben. Lassen Sie mich mit zwei Beispielen beginnen, die zeigen wie die Terroranschläge unsere Stadt verändert haben.

Ich hatte einen langen Tag hinter mir, wollte so schnell wie möglich nach Hause. Ich eilte zur Haltestelle des Autobusses M15. Als ich näher kam, sah ich, dass sich an der Haltestelle eine große Schlange gebildet hatte. Fünfzig Menschen drängten in den Bus. Die Stimmung war eigenartig nervös und gespannt. Im Bus gab ein Wort das andere. Es stellte sich heraus, dass die Mehrheit der Passagiere aus der grünen U-Bahnlinie geflohen war. Es hieß, dass der Bahnverkehr in beiden Richtungen unterbrochen war. Uns war auf einmal ganz unheimlich zumute. Warum war der U-Bahn-Verkehr unterbrochen worden? Gab es eine Warnung vor einem neuen Terroranschlag, waren die U-Bahnen wieder verstopft wie so oft nach dem 11.September, wenn Brücken gesperrt und Privatautos nicht mehr fahren durften ? In diesen Wochen bekommen wir es bei jeder Kleinigkeit mit unserer Angst zu tun, diesem unheimlichen Gefühl, dass wieder ein Anschlag droht. New York ist nicht mehr die Stadt, die es gewesen ist.

Auf unseren Anrufbeantworter sprach ich folgenden Text : "we are a city in sorrow". Wir sind eine Stadt in Trauer.

Erst haben sich die Menschen bedankt.

Nach zwei Wochen haben sie mich gebeten, den Text zu ändern weil diese Unterstreichung des Trauerns ihnen zu viel war.

Einen Tag später war ich zum ersten Mal am Ground Zero. Zusammen mit meinen Kolleginnen und Kollegen einer Ökumenischen Arbeitsgruppe durften wir in den Sperrbezirk rund um den Ort, der früher unser World Trade Center gewesen ist. Es kommt mir fast vor wie eine moderne Art von Wallfahrt, denn es gibt zur Zeit Prominente aus vielen Bereichen, die den Ort der Katastrophe aussuchen. Ein Staatsritual der Trauer.

Wir stiegen an der Ecke Broadway und Fulton aus, gegenüber der St. Paul’s Episcopal Church. Diese Kirche liegt unmittelbar am Ground Zero, und der 11.September hat sie verwandelt wie keine andere: Sie ist eine Erholungsstätte für die Feuerwehrleute und freiwilligen Helfer am Ort des Verbrechens geworden. Man sah an den Gesichtern und Körpern der Arbeiter an, wie erschöpft sie waren. Sie zogen die Helme und Gummijacken aus. Dann fielen manche in die bereitgestellten Betten hinein; andere baten um etwas zu essen oder eine Massage. Etliche setzten sich einfach nur in eine Kirchenbank und suchten in der Tragödie, deren Staub sie deckte, irgendeinen Sinn zu entdecken.

Nach dieser Begegnung gingen wir wieder hinaus in die Strasse. Überall standen Menschen und starrten ungläubig auf den Trümmerberg. Anders als sonst, standen die New Yorker schweigsam, ja fast schon andächtig vor dem Grauen. Die Tapfersten kletterten auf Zäune oder Betonkübel um direkter in das schwarze Loch des Leidens zu schauen. Man kann diesen Moment nicht beschreiben: Vor uns ein Haufen verzerrter, geschmolzener Stahl. Der Rauch stieg von unter her wie ein unterirdischer Feuerofen.

Für mich war es in diesem Augenblick, als würde ich vor einer Leiche stehen: Ich werde diesen Anblick nie aus meinem Gedächtnis löschen können. Das World Trade Center, mit dem wir New Yorker zu leben gewöhnt waren, es ist tot! Das Center und dazu 6000 Menschen. Dieses entsetzliche Loch ist der Grund der Trauer und der Unsicherheit, die unsere ganze westliche Welt in Atem hält. Unsere Stadt hat ihren inneren Kern verloren.

Ich sagte anfangs, dass wir noch nicht begriffen haben, was die Terroranschläge für die Zukunft des Friedens bedeuten. Für uns, die wir in New York leben, sind die Anschläge natürlich zunächst eine ganz persönliche Tragödie. Jeder von uns kennt jemanden, der von der Katastrophe ganz persönlich betroffen ist. Es geht um das Leben tausender unschuldiger Menschen. Ich habe es selber gesehen: die Menschen gingen tatsächlich durch die Strassen und hefteten Suchanzeigen für ihre Vermissten an Briefkasten, Krankenhauseingänge, und Telefonzellen.

Es hat mich und alle New Yorker tief berührt und bedeutet sehr viel, wie Menschen aus den anderen Teilen der USA, aus Kanada, Deutschland, und anderswo an unserem Leid teilnahmen. Es war tatsächlich der Fall, wie Paulus den Korinthern schreibt, "Wenn einer trauert, trauern alle."

Man hat mich gebeten als Vertreter der Mennoniten – einer der historischen Friedenskirchen, als New Yorker, und als NGO Mitarbeiter an der UNO diese Krise anzusprechen.

Im Umgang mit diesen harten Fragen finde ich dass nicht nur eine Leidenschaft für den Frieden sondern auch eine gewisse Bescheidenheit angebracht ist.

Leidenschaft brauchen wir, um auch gegen den Strom zu schwimmen.

Aber wir besitzen nicht die ganze Wahrheit und wir kennen wahrscheinlich auch noch längst nicht die ganze Wahrheit.

Die Wahrheit ist das erste, was in einem Krieg geopfert wird.

Sehr geehrte Damen und Herren, es ist unbestreitbar, dass die Terroranschläge in New York und Washington ein kolossales Verbrechen gegen alle internationale Normen sind und dass dies nicht einfach hingenommen werden kann. Keine Gesellschaft, keine Religion erlaubt den Massenmord einer Zivilbevölkerung. Wie kommen wir über den schmerzlichen persönlichen Verlust aller New Yorker hinaus dazu, diese politische Tragödie wirklich zu begreifen und zu überwinden. Welcher Weg dient dem Frieden ?

Sie alle wissen, wie die USA reagiert haben:

  • den Krieg gedroht,
  • geschworen, den Terrorismus mit allen Mittel zu bekämpfen,
  • Krieg gegen die Terroristen und allen, die sie beherbergen.

Hier müsste man gleich fragen: Was sind die Ursachen des Terrorismus? Ich bin kein Politikexperte, sondern Theologe. Die Stichworte kennen wir alle: Kreuzzug, Eroberung, Zugang des Westens zum Erdöl, Lieferung von Waffen – einschließlich chemische – vom Westen an islamischen Regierungen.

Nun zu den Kirchen. Wie haben die amerikanischen Kirchen reagiert ? Ich will Ihnen zunächst einmal von zwei Gemeinden in New York erzählen:

  • Aus der Episcopal Cathedral of St. John the Divine:

Anlässlich der Einführung der UNO-Vertreterin der Episcopal Church wurden die Texte kurzfristig verändert: Die Bergpredigt Jesu aus Matthäus 5, seine Seligpreisungen, seine Absage an die Vergeltung und sein Aufruf zur Feindesliebe standen im Zentrum der Besinnung.

Und dem Festgottesdienst wurde ein Klage- und Bußgebet vorangestellt, mit Bemerkungen die die Kriegsdrohung in Frage stellten.

  • Aus einer Schwarzen Mennonitengemeinde in der Bronx:

Dort habe ich am nächsten Sonntag einen Gottesdienst erlebt.

Der Prediger äußerte sich entschieden gegen den Krieg. Er wies gleich auf die Folgen der Kriegsdrohung für die armen Stadtteile.

Etliche junge Männer sind zu ihm gekommen und haben sich beklagt, dass sie den Wehrerfassungsbescheid bekommen haben.

Er hat nachgeforscht und festgestellt, dass in anderen Stadtteilen, wo die Menschen nicht so arm sind, keiner einen solchen Bescheid bekommen hat.

Wenn man weiterblickt, auf übergemeindlicher Ebene, wie haben die Kirchen in den USA reagiert ? Die Mainline Churches, also die große protestantische Kirchen, einschließlich lutherischer und reformierter, haben den Krieg infrage gestellt.

Es ist bedeutsam dass der National Council of Churches, unser ökumenischer Rat, in seiner ersten Erklärung, ``Deny them their victory``, Nicht-Mitglieder des Rates, also Vertreter außenstehender Denominationen, wie auch des Judentums, des Islam, des Buddhismus, eingeladen hat ein gemeinsames Wort zu sprechen. Am Bedeutsamsten ist der Satz, ``We can deny them their victory by refusing to submit to a world created in their image``. Wir können ihnen den Sieg verwehren, indem wir uns weigern, einer Welt zu unterwerfen, die nach ihren Vorstellungen konstruiert ist.

Der kanadische Rat der Kirchen hat in einem langen, inhaltsreichen Brief an den kanadischen Prime Minister den Fall gegen eine Kriegserklärung am tiefsinnigsten – von den Schriften die ich gesehen habe - zum Ausdruck gebracht. Die Friedenskirchen haben dieser Einstellung zugestimmt und die Frage der Rache noch ausführlicher behandelt.

Manche katholische Bischöfe und evangelikale Führer haben sich ohne Vorbehalte für den Krieg erklärt, mit ähnlichen Argumenten. Nicht wenige haben den "Krieg" gegen die Taliban vom ersten Tag an für gerecht erklärt, obwohl es zu der Zeit noch gar nicht klar war, ob die amerikanische Kriegserklärung einen gerechten Grund im Sinne der traditionellen „Theologie eines gerechten Krieges" hatte.

Allerdings hat die hochangesehene Jesuitenzeitschrift, America, sich beklagt dass die Zusagen der Geistlichen zu schnell gekommen sind, dass die Ursachen nicht gründlich genug geprüft wurden. Es ist natürlich die Frage, ob man den Begründungen der Taliban Vertrauen schenken durfte, aber sie wurden noch nicht einmal geprüft.

Solche enge Verbundenheit zwischen militärische und geistliche Institutionen, wie oben geschildert ist und wie man sie von vielen Kirchenvertretern hört, sagt dem Islam dass Kirche und Staat, Religion und Wirtschaft bei uns eins sind.

 

Ich möchte zwei Gedankenrichtungen entfalten. Zum einen denke ich, dass wir nach den Ursachen der Terroranschläge fragen müssen. Was sind die Ursachen dieses Schreckens? Wie konnte ein so grenzenloser Hass auf arabischer Seite entstehen ? Auch wenn wir manche Antwort wohl erst in ferner Zukunft wissen werden, ahnen wir doch, dass es mit unserer westlichen Zivilisation zu tun hat und damit, wie wir in der Vergangenheit mit unseren arabischen Nachbarn umgegangen sind.

Wir weigern es wahrzunehmen dass viele Menschen in der arabischen Welt uns Amerikaner als Unterstützer ihrer korrupten Regierungen ansehen. Natürlich sind die ungerechten Regierungen auch Schuld daran! Aber die Menschen sehen den amerikanischen „way of life", unseren Konsum und die Verschwendung als die Ursache ihrer Armut.

Dazu muss noch gesagt werden - und Sie wissen es aus Ihrer Hamburger Erfahrung - dass es im Islam radikale Anschauungen gibt, die unseren Lebensstil nur als gründliche Verfallenheit sehen können, der ihre Gesellschaft schon viel zu viel angesteckt hat. Also gibt es aus dieser Anschauung, aus dieser Ideologie heraus nur die Alternative, den politischen und wirtschaftlichen Einfluss des Westens religiös zu verurteilen und politisch und militärisch zu bekämpfen.

Nichts in der Welt rechtfertigt blutigen Terror. Aber trotzdem hilft es, Hass und Vorurteile zu überwinden, wenn wir einmal versuchen, die Welt mit arabischen Augen zu sehen: Im Westen erfahren wir manche Zweige des Islams als eine militante Religion mit politischen Zielen, die im Wiederspruch zu unseren gesellschaftlichen Werten steht – der offenen Gesellschaft mit demokratischen Institutionen und universalen Menschenrechte. Und doch macht die islamische Welt umgekehrt vielleicht dieselbe Erfahrung mit unserer christlich geprägten Welt.

Wir befürchten dieses Bündnis im Islam aber tun das Gleiche im Westen. Manche, wie der berühmte Politologe Huntington, ziehen aus diesem Zustand die Schlussfolge dass wir vor einem, "clash of civilizations" stehen, der sich in einem Krieg entladen wird.

Aus christlicher Sicht, gibt es nur eine Lösung dieses Konflikts, wenn wir neben den Klagen der Opfer von New York zugleich auch den verzweifelten Schrei der Armen hören, der zu diesem Terrorismus geführt hat.

Wie können wir als Christen unsere Verantwortung für Frieden und Gerechtigkeit wahrnehmen?

Ich habe in diesen Tagen den weisen russischen Autor Leo Tolstoi wiederentdeckt. Es ist lange her, dass ich in seinen Werken gelesen habe, aber jetzt habe ich es wieder getan und blätterte in seiner Schrift „On Civil Disobedience and Nonviolence" – über den zivilen Ungehorsam und die Gewaltlosigkeit. Ich staunte erneut über seine Phantasie, seinen Mut, seine Fähigkeit die Dinge anders zu sehen als die meiste Menschen es tun. Woher kam seine Freiheit anders zu denken, anders zu leben? Tolstois Existenz wurde durch seine Begegnung mit Jesus verwandelt, ganz entschieden, seine Lehre in der Bergpredigt. Tolstoi kam zu einem Gottesvertrauen, das ihn von den großen Sorgen, die uns gefangen halten, freisetzte! "Was werden wir essen? … Was werden wir tragen?" (Matt.6:31). Was wird mir passieren wenn ich gegen den Strom schwimme? Wenn ich gegen die Ungerechtigkeit Wiederstand leiste, werde ich alles verlieren – finanzielle Sicherheit, Ruf, Arbeitstelle, Freunde? Tolstoi entdeckte eine andere, innere Sicherheit, die ihn vom Angst um die äußerliche Kontrolle befreite.

Für mich heute heißt das, gäbe es nicht andere Möglichkeiten, den Verbrechern nachzugehen und die Ungerechtigkeit zu überwinden? Auch wenn das in meinem Land mit all den patriotischen Gefühlen um mich herum bestimmt nicht populär ist zu fragen: Gibt es eine andere Möglichkeit, auf den Terror zu reagieren als durch den Krieg ?

Wie lässt sich das Böse überwinden mit den Mitteln der Politik? Wie wagt man es, wenn man bedroht ist, einen anderen Weg zu gehen als Rache zu üben? Lassen Sie mich an dieser Stelle über ein Instrument reden, dass ich als Kirchenvertreter bei den Vereinten Nationen kennen gelernt habe und auf das ich vertrauen möchte, auch wenn jetzt in der Welt zunächst die Waffen sprechen und die Gewalt des Krieges. Am 11. September, am Tage der Terroranschläge, äußerte sich Mary Robinson, der UNO High Commissioner for Human Rights, dass es hier um ein Verbrechen gegen die Menschheit gehe.

Wir wissen alle, dass dieses ein Terminus technicus des Internationalen Rechts ist. Ein "Verbrechen gegen die Menschheit" ist die grausamste Verletzung menschenrechtlicher Normen, die es gibt. Deswegen gibt es Konventionen und Gesetze, die die UNO und auch einzelne Länder anwenden können, um internationale Verbrecher vor Gericht zu bringen. Mit diesen Worten wollte Frau Robinson sagen, dass der schreckliche Terror keine Kriegserklärung im Sinne des Völkerrechts war. Kein Land stand dahinter, sondern eine Terrororganisation die sich in Bergen und Höhlen versteckte. Unter sofortigem Druck der USA und, Gott sei es geklagt, der UNO, hat Mary Robinson seit dem Tag geschwiegen.

Ich will Sie nicht mit den Verfahrenseinzelheiten des Sicherheitsrats nach dem 11ten September belasten. Eine Tatsache aber möchte ich vorheben. Ohne die Möglichkeit eines internationalen Gerichtsverfahrens überhaupt nur zu erwägen, entschlossen sich die USA sofort für eine Kriegsdrohung.

Der Sicherheitsrat gewährte den Vereinigten Staaten das Recht der Selbstverteidigung – aber erklärte zugleich seine Bereitschaft, internationale rechtliche Maßnahmen zu unternehmen. Wenige Tage später äußerten sich die USA gegenüber dem UN-Sicherheitsrat, dass sie es als ihr unbegrenztes Recht verstehe, alle Maßnahmen zu unternehmen, um sich zu verteidigen, den Krieg eingeschlossen. Der amerikanische Friedensforscher George Lopez sagte dazu: "We cannot have the world agree with us that September 11 was an unconscionable attack on the rule of law and then fail to uphold every aspect of the same law in our response to the attack" (AMERICA, October 8, 2001, p.22). Wir können nicht auf das Einverständnis der Welt hoffen, dass die Attacken auf das World Trade Center eine Verletzung Internationalen Rechts waren, wenn wir in unserer Reaktion auf die Anschläge nicht dasselbe Internationale Recht beachten.

Es gibt in dieser Krise keine einfache, ideale Antwort. Gegen meine Kritik könnte man einwenden, dass die "smart sanctions" die man letztes Jahr gegen Afghanistan in Kraft setzte ihr Ziel, die Verhaftung von Osama bin Laden, nicht erreicht haben.

Man könnte weiter sagen, dass die USA dies Forderung an der Taliban, bin Laden auszuliefern, in den ersten Tagen nach den Angriffen wiederholt haben. Die Antwort war unzufriedenstellend, aber politisch nicht unbedeutend. Die Taliban wollten Beweismaterial für die Beschuldigung; mit der Zeit willigten sie ein, sich an einem Gerichtsverfahren in einem dritten Land mit mindestens einem islamischen Richter zu beteiligen.

Sehr verehrte Damen und Herren, es mag sein, dass bei Ihnen in Deutschland und Hamburg solche Aspekte dieses Konfliktes schon längst bekannt sind und auch diskutiert werden. Aber bei mir zu Hause in den USA ist eine solche Diskussion an den Rang gedrängt worden. Von dem, was ich Ihnen hier vereinfacht vorgetragen habe, weiß der durchschnittliche Amerikaner wenig.

Sie haben ja am Freitag in Ihrem Bundestag die Vertrauensfrage Ihres Kanzlers gehört und mögen sich vielleicht fragen, wie diese Diskussion in den USA aufgenommen wird.  Die Debatte in Deutschland ist erst jetzt überhaupt in den USA wahrgenommen worden. Wenig wurde davon berichtet, bevor Ihr Kanzler die Vertrauensfrage stellte, aber jetzt hören wir in den Medien sehr viel davon.

Schwestern und Brüder in Christus, ich habe ein Wort für Sie dass ich Ihnen in Respekt und Bescheidenheit mitteilen möchte. Deutschland bindet sich zu unkritisch an Amerika; Es identifiziert sich zu eng mit der ökonomischen und militärischen Herrschaft der USA. Bisher hat unser Land nur einen Krieg auf dem eigenen Territorium erlebt, den Buergerkrieg. Kein ausländischer Feind hat uns je erobert. Wir kennen die Schrecken eines Dresden oder Hiroshima nicht und wissen oft nicht in unseren Eingriffen in anderen Ländern das wir mit Feuer spielen. Deutschland lag am Ende des Zweiten Weltkrieges am Abgrund der Vernichtung. Sie sind ein Land unter wenigen who collectively and individually searched your soul and became a different people. Die USA hat viel von Ihnen zu lernen über die Nichtigkeit des Kriegs und das Umgehen mit Schuld. Lehrt uns den Weg des Friedens!

Bei uns hört man fast nur, was der Staat uns hören lässt.

Und wer den Patriotismus in Frage stellt, ist verdächtig. Nicht nur der Staat sondern, mit wichtigen Ausnahmen, das Volk wehrt sich gegen das, was wir „soul searching" nennen, die Befragung der eigenen Seele, die Frage nach der eigenen Schuld. In der Bibel ist eine Katastrophe immer eine Gelegenheit, sich als Volk Gottes und als einzelner Glaubender zu prüfen. Die Erfahrung der Katastrophe leitete das biblische Volk zur Umkehr. Israel teilte das Leid seiner Verlorenen, aber zugleich forderten die Propheten das Volk heraus, über ihren Teil in dem Gewaltkreis zu reflektieren. Was sind die Wurzeln des Hasses? Hat die Tatsache dass die USA der größte Waffenhändler der Welt sind mit diesem Gewaltwahn etwa nichts zu tun? Warum waren die Terroristen von heute in den Augen des Westens die Freiheitskämpfer der achtziger Jahre?

Wir leben jeden Tag in Unsicherheit. Die einfachen Afghanis leben jeden Tag am Rande eines Abgrunds. Wir fürchten mit Recht die Wut der Armen und ihrer ideologischen Führer. Als Christen haben wir keine fertige Antworten. Aber wir haben einen anderen Ausgangspunkt für unser Verständnis von Verantwortung. Es fängt mit einem Gottesvertauen an, in dem das allerwichtigste in meinem Leben, in unserem Leben, nicht die materielle Sicherheit ist. Das allerwichtigste – wie Tolstoi uns lehrte – ist es zu wagen, nicht aus der Furcht, sondern in Freiheit zu leben.

Jeden Montag beten wir in unserer Morgenandacht:

Go in peace and serve the Lord / Gehet in Frieden und dient dem Herrn

Dann antwortet die Gemeinde:

We will seek peace and pursue it. Wir werden dem Frieden dienen und ihm nachjagen. Herr Bush möchte vor allen Dingen den Terroristen nachjagen.

Lassen Sie uns so miteinander vor allem dem Frieden nachjagen.

 

Weitere Informationen über John Rempel

und über seinen Besuch in Hamburg

Der Brief von John Rempel gegen einen Angriff der USA auf den Irak

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