am Mittwoch, 12. September 2001, in der Nikolai-Kirche zu Kiel
Ansprache von Bischöfin Bärbel Wartenberg-Potter, Lübeck
Der Friede sei mit Euch.
Die Welt hält den Atem an.
Ein Schreckensszenario, das Umberto Ecco vor Jahren in einer
seiner
Kurzgeschichten beschrieben hat - hat begonnen sich zu
erfüllen.
Die beiden stolzen, überragenden Türme, die die
unvergleichlich schöne Skyline von
Manhatten prägten, sind in sich zusammengefallen - das World
Trade Center
Eine noch unbekannte Zahl von unschuldigen Menschen unter sich
begrabend.
An einem strahlenden Spätsommertag verwandelt sich die Stadt
New York in einen
Ort des Entsetzens und der Apokalypse.
Das Pentagon, die feste Burg amerikanischer und westlicher
Verteidigungskraft, ist
bis ins Innerste getroffen.
Die hasserfüllten Köpfe, denen dieser Schreckensplan
entsprungen ist, hatten die
Symbolkraft ihrer Ziele im Auge - die Zentren der Macht der
westlichen Welt - und sie
haben uns alle bis ins Herz getroffen.
Entsetzen und Trauer erfüllen die Menschen. Heute morgen habe
ich in einem
Telefongespräch von Freunden aus dem Inter Church Center in New
York gehört,
dass trotz aller Schrecken keine Panik ausgebrochen sei, dass
die Kirchen zu
Gebeten und Trauergottesdiensten einladen und den verstörten
Menschen Trost,
Stille und Fürbitte anbieten. Dass viele, gegen den
aufkommenden Schrei nach
Rache, im Gottesdienst singen: "Don't trust in horses,
don't trust in chariot. Trust in
the Power of God." "Verlasst Euch nicht auf Pferde und
Streitwagen, traut auf die
Kraft des Herrn."
In großer Teilnahme stehen wir an der Seite der Menschen in
Amerika und
versuchen, unsere Solidarität mit den Betroffenen Ausdruck zu
verleihen. Wir denken
an die Toten, an die, die verschüttet sind, an all das Leid und
die Tränen. Dies
versuchen wir. In einer globalisierten Welt gibt es keine
sicheren Orte. Es gibt keine
einfachen, kurzfristigen Lösungen gegen terroristische Gewalt.
Die hochtechnisierte
Welt ist verletzlich.
Es gibt aber einen Weg mit Zukunft: und den weist uns die Bibel,
wenn sie uns in den
Sprüchen Salomons sagt: Auf dem Weg der Gerechtigkeit ist
Frieden.
Die Katastrophe fordert uns auf, den Ursachen auf den Grund zu
gehen, aus denen
solcher Hass und Fanatismus entspringen. In einer globalisierten
Welt kann Frieden
nur gedeihen, wenn es mehr Gerechtigkeit für alle Menschen auf
dieser Erde gibt,
mehr Gerechtigkeit im Prozess der Globalisierung, wenn es
gelingt, den
Lebensstandard der Völker, ob groß oder klein, einander
anzunähern. Es muss
stärker als bisher gelingen, zu fairen Chancen im Welthandel
und
menschenwürdigen Lebensbedingungen zu kommen.
Auf dem Weg der Gerechtigkeit ist Frieden. Das ist der einzige
zukunftsfähige und
verheißungsvolle Weg zur Sicherheit in einer globalisierten,
verletzlichen Welt. Damit
allein kann Terror und Fanatismus der Boden entzogen werden.
Heute gilt es, alle
friedenstiftenden Kräfte jenseits von Rasse und Religion zu
stärken. Wir beten
darum, dass die Politiker überall, besonders in den Vereinigten
Staaten, der großen
Versuchung, den Weg der Gegengewalt zu beschreiten, widerstehen.
Die Gefahren
einer Eskalation sind zu groß und unübersehbar.
Wir beten für die Opfer und ihre Angehörigen.
Wir beten für die Politiker und Politikerinnen um Besonnenheit.
Wir beten darum, dass Verblendung, Hass, Selbstzerstörung und
die Zerstörung
anderer keine Nahrung findet. Wir beten für Gerechtigkeit und
Frieden in der Welt.
Gott, Du bist unser Frieden. Mach Du uns zu Werkzeugen Deines
Friedens.
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